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Die Sehnsucht nach einer M10

 

Ein Nachruf auf einen Verbindungskünstler mit sechs Ecken und Kanten.

Es gibt Wesen, deren Verschwinden niemand bemerkt. Sie verlassen unsere Welt still und leise, ohne Abschied, ohne Nachruf und ohne dass jemand auch nur eine Träne vergießt. Nicht, weil wir sie nicht mehr brauchen, sondern weil etwas Neues an ihre Stelle getreten ist. Etwas, das unsere Erwartungen nicht erfüllt, sich aber als billige Ersatzlösung im schillernden Mantel des Fortschritts präsentiert.

Ausgestorben wie die Dinosaurier. Aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt, vom Aussterben bedroht. Opfer einer Evolution, die offenbar beschlossen hat, dass für einfache, zuverlässige Geschöpfe kein Platz mehr ist.

Während man für seltene Geschöpfe Schutzgebiete einrichtet, Zuchtprogramme entwickelt und internationale Konferenzen veranstaltet, nimmt von ihrem Verschwinden kaum jemand Notiz.

Dabei hätte sie längst einen Platz auf der Roten Liste verdient.

Die M10.

Ein bescheidener Verbindungskünstler aus Stahl, mit einem ausgeprägten Sinn für Zusammenhalt, einem soliden Charakter und sechs unverwechselbaren Ecken und Kanten.

Ich erinnere mich noch gut an ein besonders liebenswertes Exemplar. Es führte sein Dasein unten an der Traverse eines alten 3er-BMW und hatte dort eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen: den Kühler an seinem Platz zu halten.

Ganz allein. Mit der Kraft jedes einzelnen seiner Gewindegänge.

Eine einzige M10 für einen ganzen Kühler.

Sie brauchte weder Verstärkung noch besondere Aufmerksamkeit. Und wenn ihre Dienste vorübergehend nicht benötigt wurden, ließ sie sich mit einem gewöhnlichen Schraubenschlüssel problemlos lösen. Der Kühler konnte ausgetauscht werden, die M10 kehrte anschließend an ihren vorgeschriebenen Platz zurück und das Leben ging weiter.

Eine Konstruktion von geradezu erschreckender Einfachheit. So simpel, dass sie beinahe nach einem Provisorium roch. Als hätten die Ingenieure damals vergessen, eine vernünftige Lösung zu entwickeln, und sich stattdessen mit einer einzigen Sechskantschraube zufriedengegeben.

Und das Schlimmste daran: Es funktionierte.

Jahrelang.

Doch die Evolution kennt kein Mitleid. Sie kann ein richtiges Miststück sein. Was sich über Jahrzehnte bewährt hat, muss irgendwann etwas Neuem weichen. So verschwanden die alten Verbindungskünstler allmählich aus ihren angestammten Revieren und machten Platz für eine neue Generation. Torx-Schrauben, Kunststoffclips und allerlei sonderbare Befestigungselemente eroberten die Automobile.

Wie erfolgreich diese Entwicklung verlaufen war, durfte ich kürzlich an einem Skoda Fabia aus dem Jahr 2000 bewundern.

Sein alter Kühler war geplatzt. Und als er unkontinent wurde, gab es kein Zurück mehr. Ein Wechsel stand an.

Eine Kleinigkeit, dachte ich.

Was folgte, war eine achtstündige Expedition durch die Wunderwelt moderner Ingenieurskunst. Um an das Teil zu gelangen, musste praktisch die gesamte Fahrzeugfront zerlegt werden. Scheinwerfer, innere Radläufe, Unterfahrschutz und selbst der Klimaanlagenkühler standen im Weg.

Dazwischen eine bemerkenswerte Artenvielfalt an Schrauben und Clips. Kleine Torx, große Torx, flache Köpfe, runde Köpfe und Exemplare, bei denen nach fast 25 Jahren kaum noch zu erkennen war, welcher Spezies sie ursprünglich angehört hatten.

Eines allerdings hatten sie gemeinsam: den unerschütterlichen Willen, ihren Platz niemals freiwillig zu verlassen.

Sie hatten sich über die Jahre so innig mit ihrer Umgebung verbunden, dass an eine Trennung kaum noch zu denken war. Sie hielten zusammen. Fester und länger als die meisten Ehen heutzutage.

Und selbst als die Trennung unvermeidlich wurde, kämpften sie bis zum bitteren Ende. Ein zwanghafter, beinahe paranoider Zusammenhalt, der sich jeder Vernunft und jedem noch so gut gemeinten Lösungsversuch widersetzte.

Einige mussten aufgebohrt, andere aufgesägt oder gleich ganz herausoperiert werden. Was sich früher mit einem gewöhnlichen Schraubenschlüssel erledigen ließ, erforderte inzwischen eine beachtliche Auswahl an Werkzeugen und gelegentlich die Entschlossenheit eines Scheidungsrichters.

Mehr als vierzig Schrauben waren es zum Schluss. Irgendwann hörte ich auf zu zählen.

Mit jeder entfernten Verkleidung kamen neue Befestigungen zum Vorschein, und je größer der Berg ausgebauter Teile wurde, desto kleiner erschien mir das eigentliche Problem, wegen dem ich überhaupt angefangen hatte.

Ein Kühler.

Ein einfacher Kühler.

Und während ich zwischen Werkzeugen, Kunststoffteilen und den traurigen Überresten widerspenstiger Schrauben saß, überkam mich plötzlich ein Gefühl, mit dem ich an diesem Tag nicht gerechnet hatte.

Sehnsucht.

Nicht nach Feierabend, nicht nach Urlaub und nicht einmal nach einem kühlen Bier.

Ich sehnte mich nach einer ganz bestimmten M10.

Nach jener unscheinbaren Sechskantschraube unten an der Traverse meines alten BMW. Nach ihrer ehrlichen, beinahe primitiven Art. Nach einem Stück Stahl, das seinen Dienst verrichtete, ohne aus einer einfachen Reparatur eine Lebensaufgabe zu machen.

Acht Stunden später, als der neue Kühler endlich eingebaut und der Fabia wieder vollständig zusammengesetzt war, ließ mich eine Frage nicht mehr los.

Wenn schon ein Auto aus dem Jahr 2000 den Wechsel eines Kühlers in eine achtstündige Operation verwandeln konnte, wie sieht das dann erst bei einem Fahrzeug des Baujahres 2026 aus?

Hat inzwischen jede Schraube eine eigene E-Mail-Adresse? Ein Facebook-Konto? Ist sie ständig online und meldet ihren festen Sitz regelmäßig an ihre Community?

Vielleicht braucht man mittlerweile für jede einzelne Schraube eine PIN oder ein Passwort des Herstellers?

Dreimal falsch eingegeben? Schraube gesperrt. Gewinde blockiert.

PIN vergessen? Wenden Sie sich bitte an Ihren autorisierten Vertragspartner. Oder fragen Sie das Auto selbst.

Und nach erfolgreicher Identitätsprüfung, Bestätigung der E-Mail-Adresse und Zustimmung zu den Allgemeinen Geschäftsbedingungen erscheint vermutlich die ersehnte Nachricht:

„Ihre Anfrage zum Lösen der Schraube wurde erfolgreich übermittelt. Bitte warten Sie auf die Freigabe durch den Hersteller.“

Gegen eine geringe monatliche Gebühr, versteht sich.

Ich aber bin dagegen.

Ich will keine Nummer ziehen und auf eine Autorisierung warten. Ich erhebe hiermit meine Stimme gegen diese Entwicklung. Ich erhebe meine Stimme für die M10!

Denn es ist höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Die M10 gehört unter Naturschutz. Ihr Lebensraum muss erhalten, ihre Bestände müssen geschützt und ihre Nachkommen vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt werden.

Und wenn das alles nichts hilft, bleibt nur noch der öffentliche Protest.

Fridays for Future der Mechaniker!

Raus auf die Straße! Für die Zukunft der M10, für ihren Erhalt, ihre Rettung und ihr Comeback!

Denn auch sie hat ein Recht auf eine gewindefeste Zukunft. Auf ein möglichst rostfreies und lösbares Morgen.


NACHRUF :

Liebe M10,

verzeih mir bitte meine Naivität, meine Unerfahrenheit und jeden einzelnen ausgelutschten Gabelschlüssel, mit dem ich dich malträtiert habe.

Verzeih mir jeden Gewaltakt dir gegenüber. Ob beim Festziehen oder beim Lösen. Verzeih mir jede unüberlegte Rohrverlängerung und jeden Moment, in dem ich mehr Kraft als Verstand eingesetzt habe.

Das alles hast du nicht verdient.

Verdient hättest du mehr WD-40 oder einen anderen Rostlöser. Auch einen Tropfen Öl hättest du manchmal verdient.

Verzeih mir, dass ich nicht mehr Respekt vor jedem einzelnen deiner Gewindegänge aufgebracht habe.

Ich weiß dich heute zu schätzen, denn du bist nicht mehr da. Damals habe ich dich für selbstverständlich gehalten, deine Bescheidenheit übersehen, deine Zuverlässigkeit kaum gewürdigt und deine einfache Art manchmal sogar trocken belächelt.

Das hat sich geändert.

Ich vermisse dich!

Dich und jede einzelne deiner Ecken und Kanten!

Mit vollem Respekt,

ich und mein neuer Nusskasten.

Ich bin Adam – ein Abenteuerpilger, der chronisch unterwegs ist, solange sich die Räder drehen. Egal ob aus eigener Kraft, geschoben oder gezogen – denn der Drang nach vorn ist wie eine Meeresströmung: Er darf nie aufhören. Und das ist genau das, was dich hier erwartet: ein Ozean an Geschichten – manchmal ruhig, gelassen und still, manchmal aber schäumend, aufgebraust, laut und voller Risiken. Und mittendrin: ich. Der Kapitän, der als Letzter von der Straße geht. Ich bin wie Luther und seine Thesen – dieser Blog ist das Tor, an dem ich meine Geschichten festnageln werde. Folgt mir und habt Spaß dabei. Oder werdet vielleicht selbst ein Teil einer noch unendlichen Geschichte – meiner Straßenreligion. Herzlich willkommen auf meinem Blog. Herzlich willkommen bei Nr.132

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